GEHE ZURÜCK Kurt Tucholsky

Was darf die Satire?

{...] Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechttrommel
gegen alles, was stockt und träge ist. [...] Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist:
Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.
Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient
also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem
hierzulande diese Kunst abgetan wird. [...] Übertreibt die Satire? Die Satire muss
übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf,
damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem
Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. [...] Wir sollten nicht so
kleinlich sein. Wir alle [...] haben Fehler und komische Seiten und kleine und große
Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren, wenn einer wirklich
einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein.
Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff
vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag
wiederschlagen aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt.
Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle
übel nähmen. [...] Die echte Satire ist blutreinigend: Und wer gesundes Blut
hat, der hat auch einen reinen Teint. Was darf die Satire? Alles.

(aus: K. Tucholsky: Gesammelte Werke Bd. 1, Copyright
© 1960 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek)

entnommen von: http://www.bs.ni.schule.de/~w.matthies/Texte/Deutsch/Satire.htm#Tucholsky